Am 13. August 2025 habe ich beim Technikforum Backnang unter dem Titel „Vom Hype zur Realität - wie Künstliche Intelligenz wirklich unsere Zukunft prägt“ gezeigt, wo wir bei der Entwicklung von KI tatsächlich stehen. Es ging mir darum, jenseits der Schlagzeilen und Marketingversprechen zu erklären, wie diese Technologien funktionieren, wo sie heute schon einen Unterschied machen - und welche Schattenseiten es gibt.

Ich freue mich besonders, dass dieser Vortrag im Technikforum Backnang stattgefunden hat - einem Ort, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Technik auf einzigartige Weise verbindet.
Das Forum wurde Ende 2015 in der ehemaligen Fertigungshalle der Kaelble-Werke eröffnet und ist heute Museum, Archiv, Veranstaltungsort und Technikwerkstatt für Kinder und Jugendliche.

Hier finden sich Exponate aus den vier prägenden Industriezweigen Backnangs - Gerberei, Spinnerei, Maschinenbau und Nachrichtentechnik - und die Atmosphäre lädt dazu ein, technische Entwicklungen nicht nur zu betrachten, sondern einzuordnen.
Dieser Ort ist daher nicht nur Kulisse, sondern auch sinnbildliche Brücke zwischen der industriellen Geschichte der Region und den technologischen Umbrüchen unserer Zeit.
Was ist Künstliche Intelligenz - und wer steuert hier eigentlich?
Gleich zu Beginn habe ich die Frage gestellt, was Intelligenz überhaupt bedeutet. Für mich ist sie mehr als das Befolgen von Regeln - sie ist die Fähigkeit, kreativ zu sein, Grenzen zu überschreiten und Neues zu entdecken. Dabei ist jede Form von „Künstlicher Intelligenz“ im Kern erweiterte menschliche Intelligenz: Wir Menschen legen die Regeln, Daten und Ziele fest. Die Maschine führt nur aus, was wir ihr ermöglichen.

Vom Regelwerk zu autonomen Akteuren

Ich habe den Weg der KI von den ersten regelbasierten Systemen über reaktive und generative Modelle bis zu autonomen und verkörperten KI-Systemen nachgezeichnet.
Beispiele wie ChatGPT, Gemini oder Midjourney machen deutlich, wie schnell sich diese Entwicklung vollzieht.
Daten aus Google Trends zeigen, dass das öffentliche Interesse riesig ist - und sich gleichzeitig eine Phase der Ernüchterung abzeichnet, in der Nutzen und Grenzen neu bewertet werden müssen.
Der EU AI Act - Regeln für eine sichere und verantwortungsvolle KI
Ein zentrales regulatorisches Thema, das im Zusammenhang mit Sicherheit und verantwortungsvoller Nutzung von KI nicht fehlen darf, ist der EU AI Act. Dieses Gesetzespaket, das 2024 verabschiedet wurde und schrittweise in Kraft tritt, ist der weltweit erste umfassende Rechtsrahmen für Künstliche Intelligenz. Ziel ist es, Innovation zu fördern, gleichzeitig aber Risiken für Bürger:innen, Unternehmen und demokratische Prozesse zu minimieren.

Der EU AI Act verfolgt einen risikobasierten Ansatz: Systeme werden je nach Anwendungsgebiet in verschiedene Risikoklassen eingestuft - von minimalem Risiko (z. B. Spamfilter) bis hin zu in der EU verbotenen Hochrisiko-Anwendungen (z. B. bestimmte Formen biometrischer Massenüberwachung).
Für Anwendungen mit hohem Risiko, wie etwa KI im Gesundheitswesen, in der Kreditvergabe oder bei kritischen Infrastrukturen, gelten strenge Anforderungen an Transparenz, Datensicherheit, Erklärbarkeit und menschliche Aufsicht.
Gerade Themen wie Prompt-Injection oder manipulative KI-Browser-Features könnten unter diese strengen Regeln fallen, wenn sie Auswirkungen auf Meinungsbildung, Sicherheit oder den Zugang zu kritischen Informationen haben. Der EU AI Act fordert in solchen Fällen klare Dokumentation, kontinuierliche Risikoüberwachung und die Möglichkeit, Entscheidungen menschlich zu überprüfen.
Für Unternehmen bedeutet das: Wer KI-Systeme in Europa betreibt oder vertreibt, muss frühzeitig Compliance-Strategien entwickeln, um nicht erst im Nachhinein auf regulatorische Auflagen zu reagieren. Der AI Act wird so zum zentralen Treiber für mehr Sicherheit, Transparenz und Verantwortlichkeit in der KI-Entwicklung - und könnte langfristig Standards setzen, die auch außerhalb Europas gelten.
KI-Browser - das neue Tor zum Internet kommt
Ein weiteres spannendes Feld, das ich im Vortrag beleuchtet habe, ist der Aufstieg von KI-Browsern wie Perplexity AI. Diese Tools verändern grundlegend, wie wir im Internet recherchieren, Informationen bewerten und Inhalte konsumieren. Statt sich durch endlose Listen von Suchergebnissen zu klicken, liefern KI-Browser direkt strukturierte, kontextbezogene Antworten - oft ergänzt durch Quellennachweise, Zusammenfassungen und weiterführende Empfehlungen.

Das Potenzial liegt auf der Hand: Recherchezeiten verkürzen sich drastisch, Informationen werden leichter zugänglich, und selbst komplexe Themen lassen sich in kurzer Zeit verstehen. Doch auch hier gilt: Jede Vereinfachung birgt Risiken. Wenn ein KI-Browser die Vorauswahl der Informationen übernimmt, entscheidet er auch darüber, welche Perspektiven sichtbar sind - und welche nicht.
Diese Macht der Filterung stellt neue Anforderungen an Transparenz und Quellenkritik.
Wer sich ausschließlich auf KI-gestützte Recherche verlässt, läuft Gefahr, nur einen Ausschnitt der Realität zu sehen. Für Unternehmen, Journalist:innen und Forschende wird es daher entscheidend sein, diese Werkzeuge bewusst und ergänzend einzusetzen, statt sich vollständig darauf zu verlassen.
Wo KI in der Wirtschaft schon jetzt unverzichtbar ist
Anhand von Unternehmensdaten (Analyse von Menlo Ventures) habe ich gezeigt, dass Code-Generierung, Kundenservice und Analyseaufgaben heute die wichtigsten Einsatzfelder sind. Die Einordnung in deskriptive, diagnostische, prädiktive, generative und präskriptive KI verdeutlicht, wie vielfältig die Technologie genutzt wird - von Betrugserkennung und Predictive Maintenance über Lagerbestandsprognosen bis hin zu personalisierten Marketingkampagnen.

Der Arbeitsmarkt im Umbruch - Konsequenzen für die Arbeitswelt
Doch dieser Fortschritt hat Konsequenzen für die Arbeitswelt. Schon heute stammen bei Google rund ein Viertel des Codes von KI, bei Microsoft etwa ein Drittel - und Prognosen gehen bis zu 95 Prozent bis 2030. Das verändert den Arbeitsmarkt grundlegend: Einstiegspositionen, die früher als Sprungbrett für junge Talente dienten, werden zunehmend automatisiert. Für viele Berufseinsteiger:innen wird es schwieriger, erste Erfahrungen zu sammeln, weil die „einfachen“ Aufgaben inzwischen Maschinen übernehmen.

Sicherheit - das blinde Auge der KI-Entwicklung

Trotz dieser tiefgreifenden Veränderungen fließt nur ein Bruchteil der Forschungsgelder in die Sicherheit von KI-Systemen.
Das öffnet Tür und Tor für neue Angriffstechniken wie Prompt-Injection. Dabei werden Modelle gezielt manipuliert, um falsche Informationen auszugeben, vertrauliche Daten preiszugeben oder sogar schädliche Aktionen auszuführen - oft eingebettet in harmlos wirkenden Content, etwa in Texten, Bildern oder Code-Snippets.
Solche Manipulationen sind für den menschlichen Betrachter häufig kaum erkennbar, können aber gravierende Folgen haben, wenn KI-Systeme in sicherheitskritischen Bereichen wie dem Finanzwesen, der Medizin oder der Industrie eingesetzt werden.
Cognitive Offloading - wenn wir unser Denken auslagern
Ein weiteres Risiko ist das sogenannte Cognitive Offloading. Wir lagern Wissen, Erinnerungen und Entscheidungsprozesse immer stärker an Maschinen aus. Kurzfristig entlastet das, langfristig schwächt es jedoch unsere eigenen geistigen Fähigkeiten.

Erste Studien deuten darauf hin, dass sich unsere Gehirnaktivität verändert, wenn wir Entscheidungen und Problemlösungen zu oft an KI-Systeme delegieren. Kritisches Denken und kreatives Problemlösen könnten zu selten geübten Fähigkeiten werden.
Ein Blick in die Zukunft - es wird immer spannender!
Zum Abschluss habe ich den Blick nach vorn gewagt: von autonomen Drohnen über humanoide Serviceroboter bis hin zu Bio-Computing, das Computerarchitekturen und biologische Systeme verschmelzen könnte.

Mein persönliches Fazit: Künstliche Intelligenz ist längst mehr als ein Hype - sie prägt bereits heute, wie wir arbeiten, lernen, recherchieren und Entscheidungen treffen. KI-Agenten, smarte Browser, automatisierte Code-Generierung und neue Einsatzfelder in Unternehmen eröffnen enorme Chancen für Effizienz und Innovation. Gleichzeitig machen Risiken wie Prompt-Injection, einseitige Informationsfilterung, Cognitive Offloading und die wachsenden Einstiegshürden für Berufseinsteiger:innen deutlich, dass wir diese Technologien nicht unkritisch übernehmen dürfen.
Der EU AI Act liefert dafür wichtige Leitplanken, doch Regulierung allein reicht nicht. Es braucht ebenso Investitionen in Sicherheit, eine transparente Gestaltung der Systeme und den verantwortungsvollen Umgang jedes Einzelnen. Nur wenn wir technologische Möglichkeiten mit ethischem Bewusstsein und Weitsicht verbinden, können wir die Potenziale von KI ausschöpfen, ohne ihre Risiken aus den Augen zu verlieren - und so eine Zukunft gestalten, in der Innovation und Verantwortung Hand in Hand gehen.



